2. Nürnberg – Berlin

Schön war’s an der Spree

Schon eineinhalb Jahrzehnte tu‘ ich so, als ob es mich nicht geben würde, in dieser Stadt. Ich halt‘ mich raus, aus publiziell dünner Karoistik, bürgerlich biederer Monopolistik, engherzig bewahrter Poloptik. Niemandem etwas antun, aber auch mit niemand etwas zu tun haben, nicht mit hingeplagter provinzieller Anstrengung, bloß keine klein gedachte Aufwallung und rechtsherum gestrickte Tradistik! Highlights hier und da, ganz klar. Aber die Wahrheit liegt an dieser Stelle ebenso wenig begraben wie der sprichwörtliche Hund. Es hat sich wohl eher rumgesprochen, dass sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen: in Bratwurst City.

„Ich fühlte mich schon immer, als würde ich nicht dazu gehören“, beginnt Carrie Brownstein, durch Portlandia (TV-Serie mit Fred Armisen) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, die Erzählung über ihre Musikkarriere in ihrer Autobiografie mit dem Titel Modern Girl. Mein Leben mit Sleater Kinney holt 20 Jahre aus, wirft einen Blick zurück zum ersten Konzert, das die spätere Gitarristin und Sängerin der feministisch angehauchten Punkrockband besuchte. Madonna veränderte mit ihrem Auftritt im Paramount Theatre in Seattle auf ihrer Like a Virgin-Tour im Jahr 1985 das Leben der damals 11jährigen und schuf „ein absolutes Hochgefühl, das für eine Weile alles überstrahlte. Egal wo ich hinsah, überall war Licht.“

Mehr Schatten als Licht, ein Ort, um in Ruhe zu leben, aber ein Zuhause, aus dem nicht nur ich zu fliehen pflege, so oft es mir möglich ist. Hier flackert ein fadenscheiniger Geist umher, dass diese Mauer außen um die Stadt herum die Bevölkerung längst nicht mehr beschützt, sondern vor der Außenwelt gefangen hält. Um eines festzuhalten: An der Noris ist es mir, da nimmt der Franke in typisch fränkischer Manier und gewählt borstiger Diktion kein Blatt vor den Mund, beim Allerwertesten lieber als in Piefke-Münix bei Kaiserwetter. Andererseits gibt das aber auch nicht gerade eine Garantie für glückliche Tage. Nürnberg fühlt sich halt ein bisschen an wie Diaspora, die in einem ständigen Zustand aus zweiter Hand dahin zu vegetieren scheint. Bis weit hinaus ins hügelig bewaldete fränkische Land tönt es von der Kaiserburg: „Ach! Dass der fränkische Mensch so unglücklich sein muss!“

Also nichts wie ab nach Berlin: erste Liga, nicht zweite, die alte Dame Hertha oder Köpenicker Kult statt der Glubb is a Depp, Stadt mal sechs, Einwohner mal sieben, Kultur mal zehn, wenn’s reicht, Schulden mal 33,3, wenn’s noch stimmt, Kunst mal 50, Nightlife mal tausend, alles rein subjektiv sowieso. Nürnberger Tand gegen Berliner Schnauze, Brummbär sticht Reichsadler, Bart- und Kreativwirtschaft, nicht Bratwurstwirtschaft. Noch mehr Beweise!? Wenn ich aus Berlin zurück bin, atme ich auf, an meinem Rückzugsort in der Provinz. Im selben Atemzug verfalle ich aber der Depression: Das Ungeheuer Berlin macht Platz für den einfältigen Blick vom einsamen Felsenberg. Nicht ganz ohne Substanz und nicht eben unwahr gibt’s gleich die SMS aus Berlin: „Na wieder zu Hause, Ihr Bratwürstchen!?“