16. Die Kunst der Lüge

Die Wahrheit liegt im Auge des (kritischen) Betrachters

So flanieren wir zerstreut dahin, im Dunstkreis des Großstädtischen, laufen, schauen, verweilen, im besten Falle „lustwandeln wir, fassen feierlich ins Auge“, gesteht Walter Benjamin resignierend. „Das Neue ist die Quintessenz des falschen Bewusstseins, dessen nimmermüde Agentin die Mode ist“, resümiert er die eigene Verwirrung und die der Massen. Verschweigt gleichzeitig aber die Verzweiflung der Kunst: um sich vor dem Einfluss der Technik abzuschotten, den Konformismus gegenüber dem Markt zu verleugnen, die Zugehörigkeit zur Warenwelt abzustreiten. Herab aus seinem Elfenbeinturm muss der Künstler, unters Volk, auf die Straße, um seine Bilder an die Wand zu kleben, begleitet von Schimpf und Schande, denn die Wahrheit tut der Menge weh. „Die Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lässt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können“, gesteht Picasso souverän. Seine Arbeit braucht keinen Grund oder bemüht einen einzigen, wahrhaft und weihevoll, der noch zugelassen ist: „Wir wissen alle, dass Kunst keine Wahrheit ist.“ Es ist halt immer nur der Aufstand, der letztlich zählt. Es kann eigentlich nur darum gehen, (alte) Wahrheiten zu bekämpfen, diese neue obskure und vulgäre Lüge zu entlarven.

Der Verkäufer bedient sich gleicher Mittel, hinterhältiger Weise aber entgegengesetzter Strategie. So platziert er vor aller Augen neue, neueste, allerneueste Ware und damit Lug und Trug seines Angebots. Der ziegenbehaarte Dämon schnurrt leise, dass er auch über das Neue verfüge, ja, das Schöne besitze. Und Eva schmelzt dahin: oh, das Neue, ach, wie schön! Gepriesen sei die Ablenkung! Propaganda und Täuschung versprechen Glanz und Schimmer, entzückende materielle Realität. Es seien und blieben doch nur die Dinge, die zählen. Doch das ist Oberfläche, strahlend überstrahltes Trugbild, verführerisches Gezüngel: „Dieser Schein des Neuen reflektiert sich, wie ein Spiegel im anderen, im Schein des immer Gleichen.“

Einzeln Bilder zu fokussieren (feierlich ins Auge zu fassen), verlangt nach Willen, Konzentration und Durchhaltevermögen. Von tausend Wänden aber springen wie Blendgranaten aus der Mörserbatterie die immer gleichen Stimmen der Großstadt, zauberhaft, verlockend, wie ein Echo zwischen Vergangenheit und Gegenwart der Menge mitten ins Gesicht. Und die Menschen? Keine Reaktion, gehen weiter („lustwandeln“), einzeln, ganz allein, zu zweien, nebeneinander her, drei und mehr, doch die Manipulation trifft niemand schwer. Wie betäubt, gefesselten Blicks im Spiegel und daraus zurückgeworfen, begleitet sie die Warnung eines Connaisseurs, des Autors der Illuminationen: „Der Flaneur ist der in das Reich des Konsumenten ausgeschickte Kundschafter des Kapitals.“

Wie war das gleich noch, wann ist ein Sticker Kunst? Wenn er Wahrheit schafft, obwohl es eine Lüge ist. Wenn er eine Situation schafft, bei der auf diese Wahrheit Bezug genommen wird und diese Realität dann uminterpretiert werden kann (s. 16. Venceremos)!? „Er hält, wie üblich, das Heft in der Hand und extemporiert eine kleine Vorlesung, in der erläutert wird, wie sehr er Picasso verabscheut, dass Picasso ein Nichts ist… auch er verachtet nun Picasso, aber schüchtern, mit einer ganz kleinen Verachtung, während Foucault aus vollem Halse lacht, sagt auch er, dass Picasso wohl überschätzt ist, dass er nie richtig verstanden hat, was die Leute an ihm finden.“ (Roland Barthes in Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion)