8. Homunculus vs. Technosphere

Wahrnehmung verändert Wahrheit

1967 – Joseph Beuys‘ (1921-1986) These einer sozialen Skulptur, dass jeder Mensch ein Künstler sei, wird endlich Wirklichkeit – im 21. Jahrhundert. Wenn auch anders, als der Protagonist des erweiterten Kunstbegriffs es sich hätte träumen lassen: auf technischem Weg, ebenso wenig materiell, an ein fassbares Artefakt geknüpft, dennoch anders als vom Altmeister in Fett und Filz in seiner Kunsttheorie vorausgesagt. Die Gesellschaft gewinnt Form und Struktur, formt und strukturiert sich, will geformt und strukturiert sein. Es genügt ein kleines Metallkästchen, das „unsere Lebenswelt grundsätzlich verändert und die menschliche Triebstruktur umstülpt“ (Meike Fessmann über Lukas Bärfuss‘ „Hagard“)

Juli 2013 – Jürgen Teller (*28.01.1964, Erlangen) bezeichnet sich selbst als Technik-Depp und wehrt sich lange gegen die Digitalisierung, indem er das metaphysische Prinzip wahrt: “Ich will niemals Sklave der Technologie sein … Wenn alle Leute dauernd jeden Scheiß fotografieren – was für Fotos soll ich dann eigentlich noch machen? Was ist es noch wert, dass man ein Foto davon macht? Ja: Was ist überhaupt eigentlich noch ein Foto?“ (Die Welt, 2013)
Juli 2014 – Doch auch das German Wunderkind der Mode in London kann das Rad der Geschichte, den Fortschritt nicht zurückdrehen: „And it was like, oh my God, this is amazing… I just thought, oh, I’m excited. When I’m excited, that’s my aesthetic… I realized why all these people use digital: It’s so easy to take a good picture.” (Purple.FR S/S 2014 issue 21).

Juli 2016 – „Nicht viele, die den Apparat benutzen, wissen, welche Verheerungen einst sein Erscheinen in den Familien verursacht hat“ (Benjamin). Das Telefon, geschenkt! Die meisten können nicht mehr ohne die Droge aus der Technosphäre. Ihre gesamte Kommunikation läuft über das Mobiltelefon, Massenphänomen, bis ins Straßenbild des größten Kaffs. Fotos, Videos, das gesamte Drumherum im Internet kann heute jedes Kind. Fotografieren und alles, was dazu gehört, sind längst Alltag. Wi-Fi, Mobilfunk oder Hotspots und jeder ist dabei, voll auf Multimedia, mit der Welt vernetzt. Das iPhone ist (noch) kein Ersatz für die Profikamera. Linsen, Chips, Apps, Ausrüstung machen es aber zu einer Alternative, unauffällig, superschnell zur Hand, super Sensor, tolle Auflösung , Fotoqualität topp, auf der Straße mit überzeugender Antwort: inkl. diskutable Dynamik, Luminanz, flexible Blende. „Ein Alarmsignal, das nicht allein die Mittagsruhe meiner Eltern sondern das Zeitalter, in dessen Herzen sie sich ihr ergeben, gefährdete“ (Benjamin).

Juli 2017 – Damit haben sich auch gleich die Unterschiede zwischen Original und Kopie verabschiedet. Echtheit oder Fälschung, Urfassung oder Plagiat, Autor oder Rezipient – total egal! Knipsen, Posten, ich, ich, ich, ohne Stillstand, unaufhaltsamer Output, amorphe Gischt, die nicht mehr unterscheidet, totale Entäußerung. Verbale und visuelle Codes zwischen Bearbeitung und Manipulation, variabel und austauschbar. Kommunikative Standards in ständiger Auflösung, durch nicht fassbare soziale, politische oder technisch-gestalterische Neuerungen gebrochen. Grenzenlose Möglichkeiten, in Echtzeit, direkter Draht in das weltumspannende Netz. Mikroskopisch kleine Technik und globale Netzwerke verändern das Weltbild, die Interdependenz zwischen Individuum und Masse: Lüge oder Wahrheit, von wegen, lieber schnelles Internet und super schnelle Interaktion! Die Bilderwelt explodiert, Instagram, Flickr, Tumblr überschwemmen das Gedächtnis der Menschheit. Musik, Mode, Hype und Ekstase surfen auf der Oberfläche, sind auf einen Klick verfügbar und verändern sich im nächsten Augenblick wieder, im Strudel der Neuigkeiten und des Neuen. Der Mensch ist ohne Smartphone nichts. Das Metallkästchen fungiert in der gegenwärtigen Phase des Maschinenzeitalters als Verlängerung des menschlichen Geistes, dimmt die Imagination enorm herunter. Mehr noch, es spielt Schicksal und wird an der Abschaffung des Menschen beteiligt sein (Fessmann s.o.). Denn das Mobi ist dem Menschen alles. Und der Mensch ist nichts im Angesicht des Algorithmus.