5. Mehr Stadt braucht kein Mensch

Selbst Widerstand ist Schickimicki

Summer in the City – viel zu heiß, viel zu viel los, um drinnen abzuhängen. Nichts wie raus an die Berliner Luft, die hippe Metropole genießen! Städtetourismus, Sightseeing, Kulturparcours – lieber nicht! Junge Leute aus der ganzen Welt schwärmen aus, ins pralle Leben auf den Straßen, stürzen sich in den Trubel der Cafés, das Gedränge der Partys, auf der Suche nach dem Rausch der Gefühle, durch den Dschungel der Metropole, Feiern im märkischen Sand. Wie fade wirkt da das Kultur- oder Geschichtsprogramm, viel lieber geht man auf Streifzug in die City, auf die Jagd nach bizarren Locations, kuriosen Orten, exzentrischen Geheimnissen einer wilden Großstadt. Oder träge an der Spree abhängen, bei kühlen Getränken den Abend in Augenschein nehmen, im Schatten eines internationalen Publikums die Boulvards entlang spazieren. Spaß muss sein, bitte schön aber ohne die Tort(o)ur zu Museen, Sehenswürdigkeiten, Ausstellungen. Adrenalinschock und Drogenrausch statt diszipliniertem Bildungskanon, ruhelose Selbstinszenierung und stolzes Hauptstadtgetue, nicht kritischer Traditionsgedanke oder nüchterne Geschichtsreplik, verruchter Glanz durchgehender Nacht überstrahlt die unsichtbare kleinbürgerliche Atmosphäre im Osten der Republik in Berlin und um Berlin herum.

Cool town – Nur die größte Kunstgalerie der Stadt zählt als lässige Alternative, dort wo Street-Art und Graffiti zu Hochform auflaufen, Jugendkultur und junger Kunst Platz verschaffen. Off-Nischen gelten als Trendsetter, ständig erneuert dieses artistische Labor die urbane Kultur, befruchtet das visuelle Image der Stadt. Kreative und Künstler aus aller Herren Länder haben sich gerade seit dem Fall der Mauer auf der metropolen Leinwand verewigt: ein kunterbuntes trojanisches Pferd, das der städtischen Landschaft neue, aufregende Facetten beschert, klingende Münze gerade im jüngeren touristischen Segment. Sex Appeal für die Kapitale, frisches Blut fürs Hauptstadt-Marketing, Multiplikatoren für den touristischen Profit – Stadtverwaltung und Senat sind die Hände gebunden, Investoren lassen das Biotop blühen, bis es Zeit wird für die Ernte und die Wertsteigerung diesen bunten Acker umpflügt und versiegelt in glatter Langeweile.

It’s a different world – In allen europäischen Metropolen, egal ob Lissabon, Istanbul, Paris oder Amsterdam, überall springt dem Passanten der farbentolle Rock ’n‘ Roll der Straße ins Auge, ganz besonders auch in Berlin: Street-Art, Graffiti, Cut-Outs, neuer Schmuck für das Wohnzimmer der Stadt, junges, zeitgemäßes Image, Magnet, ach, da schau‘ hin, nicht nur für die jungen Generationen. Dagegen steht die „kleine“ Street-Art meist im Fluch der „Schande“, Aufkleber, Sticker, Kreidestriche, Mini-Sprays „verhunzen“ das Stadtbild, ruinieren „den, ach so guten Ruf“, beflecken die schönen, sauberen Investitionsmeilen. Die öffentliche Ordnung bekämpft das wuchernde Chaos mit Kriegsgeschrei, als sei nicht nur der Verkehr, Rettungskräfte, das Eigentum gefährdet, sondern das Abendland samt 6. Amerikanischer Flotte vom Untergang bedroht: „Die Erinnerung geht vom Kleinen ins Kleinste, vom Kleinsten ins Winzigste und immer gewaltiger wird, was ihr in diesen Mikrokosmen entgegentritt“ (Walter Benjamin). Der Underground überbringt dennoch seine Botschaft, bestellt Grüße für die großen Zusammenhänge, überliefert die geheimen Zeichen der Stadt, baut die Bühne auf für die „große“ Street-Art, die erst zur Geltung kommt, in diesem Umfeld: Sticker, Aufkleber, Stencils, Piktogramme, Marker- und Kreide-Tags – immer und überall auf dem Weg durch Berlins Wildnis.