12. Nur ein (böser) Traum

Sauberkeit und Ordnung im öffentlichen Raum

Wilde Aufkleber im Dschungel der Stadt, weit und breit nichts anderes zu sehen! Tierisch schnell springt einen da die Ordnungswidrigkeit an. Aufkleben gibt also Bußgeld in Höhe ab 500 €, immer und überall, auch in der Horizontalen, auf dem Boden. Selbst der gute alte Bürgersteig zählt zur Tabuzone für die klebende Klasse. Die klebrige Seite der Street-Art wandelt auf dünnem Eis, wird mit ähnlichen Vorwürfen überzogen wie die großen illegalen Rüpelbrüder: Vandalismus, Verunstaltung, Sachbeschädigung. Die Rechtslage ist eindeutig, die Rechtsprechung auch. Kann es ein, dass sie vielleicht nicht ganz so arg ausfällt, Gnade ab und zu, der Richter drückt ein Auge zu, wer weiß? Sind Aufkleber vielleicht „doch nicht so schlimm“!? Es kommt schon vor, dass unter unseren Füßen Bilder oder Sticker, die den Blick zum Grunde richten, die sich auch wieder einfach, ohne großen Aufwand „wegmachen“ lassen, schnell mal eben toleriert werden. Law & Order lässt da die Handschellen nicht so schnell klicken? Ist und bleibt doch höchstens – Wildplakatierung!

Inzwischen gehört Guerilla-Marketing längst zum großstädtischen Ton. Underground-Optik schielt auf den kurzen irritierten Blick, setzt sich langsam, aber stetig fest im Bewusstsein des Passanten: echt scharf, schon gesehen, sieht geil aus, was!? Schrille, bunte Wände haben, ganz klar, Coolness-Vorsprung gegenüber platter Werbung oder glatten Einheitsmief. Mode- und Lifestyle-Industrie erkennen das virale Potenzial, schicken ihre Spione auf die Straße, kupfern von der Street-Art ab, was geht, nicht nur oberflächlich. Die kopieren Trends und Techniken der Straße, kapern Ausdruck, Attitude, kaufen sich die Künstler ein und kleben selbst drauf los. „Diese Geschichte hat einen entscheidenden Fehler, etwas Entscheidendes fehlt“ (Trio, Nur ein Traum). Die wahren Artisten, richtige Sprayer und Kleber, unabhängig, unbestechlich, werden in die kriminelle Ecke gedrängt, wenn sie nicht Banksy heißen. Street-Art ist kein Kavaliersdelikt, auch wenn’s nur geklebt und nicht gesprayt ist!

In der Vertikalen, auf Wänden, im Zug, auf Werbung, an Schildern, Stromkästen oder Läden ist das Sprayen, Malen, Kleben strikt und total v – e – r – b – o – t – e – n!!! Denn da sind Recht und Ordnung nicht zu Scherzen aufgelegt: Nicht unerhebliche oder dauerhafte optische Veränderung, die ohne Aufwand länger hingenommen werden muss – außer vielleicht wieder unerkannt überklebt, übermalt, übersprayt. Dem Delinquenten droht Strafe bis zu 2500 €. Der Buße nicht genug, für Instandsetzung, Reinigung, neue Farbe, Arbeitszeit, der ganze Schadensersatz-Klimbim von vorne. Sachbeschädigung! Im Namen des Volkes!
Noch einmal für hartnäckige Fälle: Bußgeld – patsch – Geldstrafe – boing – Vorstrafe – bäng – Strafregister – bumm. Und je dauerhafter die Street-Art ins Werk gesetzt ist, steht der Büßer sozusagen schon mit einem Bein im Gefängnis. Wiederholungstäter, Extremkleberisten verschwinden hinter Gittern, zwei Jahre oder so. Also Vorsicht vor unerlaubter Sondernutzung! Das Privatrecht gebärdet sich als unerbittliche und beharrliche Instanz, zeigt auf ewig langen Atem. Dem, der Übles tut, sitzt seine Tat eine Generation lang im Nacken: Auge um Auge, Zahn um Zahn, fass mich bloß nicht an! Wohl dem, der sich nicht erwischen lässt! Das bürokratische Simsalabim, Sesam öffne dich der Demokratie heißt: „Genehmigung“. Tusch! Straßentheater, Demonstration, Werbeaktion, egal ob die Öffentlichkeit kommerziell, politisch oder rein künstlerisch in Anspruch genommen wird, bedürfen einer Anmeldung auf dem Amt und dieses Zauberworts. Muss ja alles seine Ordnung haben!